Kamelle!

Kamelle

Am Karnevalssamstag läuft das Kinderdorf immer im örtlichen Karnevalszug mit. Ich bin auch dabei, und es macht total Spaß! Wir sind natürlich immer etwas knapp mit Wurfmaterial (ihr wisst schon: Kamelle!), man muss sich das gut einteilen, aber das gehört halt dazu.

Wir laufen also als Gruppe einmal den ganzen Weg, und spätestens wenn wir an der Kirche ankommen, sind unsere Kamellebeutel restlos leer. 

Dann ist es aber noch nicht zuende, sondern dann stellen wir uns am Rand auf und warten auf die restlichen Wagen. Da wir immer relativ am Anfang laufen, kommen dann noch ziemlich viele Gruppen, schließlich auch die Wagen, und sie werden immer größer. Die ersten Gruppen nach uns sind oft genauso blank wie wir. Aber bald schon lohnt es sich, und wir gehören zu den „Kamelle!“-Rufern.

Ich sage den Kindern dann immer: ihr müsst auch aufheben, was geworfen wird. Denn wo viel auf dem Boden liegt, da wirft die nächste Gruppe nix mehr. Unsere Kinder tun das dann auch.

Aber diesmal habe ich was erlebt, das mich nicht loslässt. Das Kinderorf hatte sich schon auf den Rückweg gemacht, weil die Kleinen nicht mehr konnten. Ich wurde für den Rückweg nicht gebraucht und habe mich noch zu ein paar Bekannten in der Nähe gestellt. Da war auch ein Junge, vielleicht 7 oder 8 Jahre alt mit seiner Mutter. Er rief laut und begeistert „Kamelle!“. Und da er weit und breit das einzige Kind war, warfen die Gruppen, was sie noch hatten, in großen Mengen in unsere Richtung.

Allerdings hob der Knabe nichts auf. Wirklich gar nichts. Seine Mutter bückte sich gelegentlich, aber er bekam soviel direkt in seine Tasche gekippt, dass er sich nicht dafür interessierte, was links und rechts von ihm auf die Erde fiel. Ich habe ihm gesagt „Du musst auch aufheben, nicht nur rufen“. Da sieht er mich an und sagt: „Ich muss mich nicht bücken“!

Wir haben dann nicht weiter gesprochen. Aber ich hatte danach keine Hemmungen mehr, alles aufzuheben, auch das, was eigentlich ihm gehört hätte. Ich habe in meinem Leben nie so fette Beute im Karneval gemacht! Sonst habe ich ja immer mit unseren Kindern geteilt.

Aber ich kriege dieses Kind nicht aus dem Kopf: „Ich muss mich nicht bücken“. Wenn das seine Grunderfahrung ist, alle stopfen ihm die Süßigkeiten in Massen von vorne und hinten direkt in seine Tasche, was wird dann später aus ihm? 

Ich bin froh, dass wir unsere Kinder zu mehr Eigenverantwortung erziehen. Ich bin fest davon überzeugt, dass sie damit besser durchs Leben kommen werden. Und um nicht so negativ zu enden: ich habe richtig Spaß daran, dass ich so gutes Zeug gefangen habe. Alaaf!

Kamelle