Neulich bin ich im Internet über den Begriff “demisexuell” gestolpert. Es war die Rede von einer besonderen sexuellen Orientierung, die anscheinend Probleme beim daten macht, weil sich die jeweiligen Gegenüber nicht so einfach darauf einstellen können. Zu exotisch. Aber hier waren einige junge Leute, die sich tapfer dazu bekannten und einander zusprachen, dass sie ein Recht darauf hätten, auch als Demisexuelle ernst genommen zu werden.
Ich hatte das Wort noch nie gehört, meinte aber mich dunkel zu erinnern, dass “demi” soviel wie “halb” bedeutet. “Halbe Sexualität”? Ich habe dann Wikipedia befragt und einen Lachanfall bekommen. Es tut mir schrecklich leid, aber da stand:
Demisexualität meint eine Grauzone, einen Bereich zwischen Sexualität und Asexualität. […] Demisexuelle Menschen empfinden nicht grundsätzlich eine sexuelle Anziehung zu anderen. Sie müssen in der Regel eine starke emotionale Bindung oder Beziehung zu einer anderen Person spüren, um sexuelle Lust für diese zu empfinden – ob man diese nun als “Liebe” bezeichnet oder nicht. One-Night-Stands, spontaner Sex ohne Gefühle sind für Demisexuelle eher unwahrscheinlich und für viele undenkbar. In der Regel ist eine starke vertrauensvolle Beziehung entscheidend, damit überhaupt Lust oder eine Anziehung gegenüber dem:der Partner:in entstehen kann.
Ich bekenne hier öffentlch: ich bin demisexuell! Ich hatte noch nie einen One-Night-Stand, und ich empfinde auch nicht grundsätzlich eine sexuelle Anziehung zu anderen. Bei mir kommt zuerst das Gefühl und dann (vielleicht) der Wunsch nach körperlicher Intimität. Und ja: das war auch schon so, als ich noch jung war. Bisher war mir nicht bewusst, dass ich mich damit in einer “Grauzone zwischen Sexualität und Asexualität” bewege und zu einer Minderheit gehöre, die von der LGBTQ-Bewegung geschützt wird.
Mein ganzes bisheriges Leben lang (also mehr als ein halbes Jahrhundert) galt es in meinem Umfeld schlicht als normal, dass man zuerst eine Beziehung eingeht (mehr oder weniger tief) und erst dann intim wird. Die konservativere Fassung hieß “warten bis zur Hochzeit”, aber das war schon zu meiner Zeit eher ungewöhnlich. Wer locker drauf war, ging halt relativ schnell mit seinem/seiner Freund/Freundin ins Bett, ansonsten wartete man, bis klar war, dass die Beziehung von Dauer sein wird. Doch One-Night-Stands mit Fremden kannte ich nur aus Filmen. In meiner Welt galten sie als etwas seltsam. Wieso tut jemand sowas?
Natürlich ist “meine Welt” ein bestimmtes gesellschaftliches Milieu, und ich kann nicht für andere sprechen. Doch ich glaube schon sagen zu dürfen, dass sich hier etwas grundlegend verändert hat. Es ist noch nicht lange her, da bezeichnete man häufig wechselnde sexuelle Kontakte als Promiskuität. Bis in die 70er Jahre wurden junge Mädchen (natürlich nicht die Jungen) sowohl in der BRD als auch in der DDR wegen promiskuitiven Verhaltens in Heimerziehung überwiesen. (Was wirklich nicht schön war, ich bin froh, dass das vorbei ist!)
Offensichtlich hat es also auch früher schon Menschen gegeben, die nicht unbedingt auf die tiefe, vertrauensvolle Beziehung gewartet haben. Wie viele es waren oder ob sich die Zahl verändert hat, kann ich nicht beurteilen. Dennoch finde ich es bemerkenswert, wie sich die Beurteilung geändert hat. Vor 50 Jahren galt Promiskuität als Verhaltensweise. Wer so lebte, hatte sich dazu entschieden (und konnte demnach auch anders). Wer sich bis zur Hochzeit “aufhob”, “auf den Richtigen wartete” oder in einer Beziehung schlicht treu war, der tat auch dies willentlich. Heute hat sich nicht nur die Norm um 180 ° gedreht, vor allem wird dieses Verhalten jetzt als Veranlagung betrachtet. Ob spontaner Sex ohne Gefühle denkbar ist, liegt offenbar inzwischen nicht mehr in unserer Hand. Es wird nicht mehr von Erziehung, gesellschaftlichen Erwartungen und unseren Entscheidungen bestimmt. Nein, wir sind genetisch prädestiniert, wir können nicht anders: die einen sind asexuell, die anderen demisexuell und alle anderen “empfinden grundsätzlich eine sexuelle Anziehung zu anderen”. Für Jungs in der Pubertät würde ich das sofort unterschreiben, aber sonst…? Echt jetzt?
Egal. Ich bin also demisexuell und bewege mich in einer Grauzone. Finde ich okay, ist ja ohnehin praktisch, wenn man zölibatär lebt.